Fischer Verlag: Was hat Sie bewogen, diese große Reise zu unternehmen?
Brinkbäumer: Vor vier Jahren waren der Fotograf Markus Matzel und ich auf beiden Seiten der Meerenge von Gibraltar unterwegs, um zu recherchieren, was sich damals dort abspielte: Nacht für Nacht legten in Marokko Schlauchboote ab, die zum Teil in Spanien ankamen, zum Teil aber auch nicht, weil die Boote in den Bugwellen der Tanker sanken oder auf Riffe liefen. Wir trafen in einem Keller in Algeciras eine junge Frau, Joy Ofoni, die sich dort verstecken musste, weil die Polizei sie auf der Straße sofort aufgegriffen und zurückgeschickt hätte; Joys Paradies war dieser Keller. Wir hörten uns die Geschichte ihrer Reise an, Joy erzählte zum Schluss von ihrer Freundin, die auf der Überfahrt über Bord gegangen und nicht wieder aufgetaucht war. Und damals beschlossen Markus und ich, dass wir die Geschichte der afrikanischen Odyssee einmal von Anfang an erzählen wollten, dass wir also von den Orten, in denen sich die Migranten auf den Weg machen, bis nach Europa reisen wollten. Wir fragten dann John Ampan, der das alles hinter sich hatte, ob er mit uns zurückkehren würde, und in dem Moment, als John verstand, dass er dadurch seine Kinder wiedersehen würde, sagte er zu.
Fischer Verlag: Was hat Sie bei Ihren Recherchen in Afrika am meisten bewegt?
Brinkbäumer: Der Mut der Migranten. Ihre Entschlossenheit. Einer wie John, der fast fünf Jahre lang unterwegs ist, zweifelt natürlich ständig daran, dass er es schaffen kann. John sah seine Freunde sterben und begrub sie in der Sahara. Er wurde deportiert, saß im Gefängnis, war wochenlang allein unterwegs und er versuchte es immer wieder von vorne. Leute wie John treffen Entscheidungen, mit denen die wenigsten Europäer jemals zu tun haben: Wer muss in Europa schon seine Kinder verlassen, um sie ernähren zu können?